Ohne Ehrenamtliche geht es gar nicht

Ohne-Ehrenamtliche-geht-es-gar-nichtJORK. Thema Flüchtlinge beim CDU-Forum: Überfordertes Bundesamt – aber die menschliche Ebene funktioniert.
Genau 99 Flüchtlinge leben am heutigen Tag in der Gemeinde Jork, weiß Anja Blieffert, kommissarische Leiterin des Jorker Ordnungsamtes. Davon sind 33 Kinder, fast alle besuchen Jorker Kindergärten und Schulen. Blieffert hat genau im Blick, wie viel Wohnraum noch zur Verfügung steht, um weitere Flüchtlinge unterzubringen: „Eine Wohnung ist noch da, dann ist Schluss.“ Es würden zwar noch Wohnungen als Flüchtlingsunterkünfte angeboten, „aber nur zu deutlich überhöhtem Preis, und damit tue ich mich schwer“. Demnächst könnte für Jork also eine Unterbringung in „mobilen Wohneinheiten“ – sprich: Containern – infrage kommen. Das berichtete sie beim Diskussionsforum zum Thema Flüchtlinge, zu dem die CDU Jork und die kommunalpolitische Vereinigung (KPV) der CDU in die Gaststätte Holst in Estebrügge eingeladen hatten.
„Wir wollen hier nicht die große Weltpolitik diskutieren, sondern uns damit beschäftigen, wie wir mit den Herausforderungen hier vor Ort umgehen“, hatte Michael Eble, Vorsitzender der KPV, anfangs erläutert. Zum Podium sind Fachleute und Menschen eingeladen, die aus langjähriger persönlicher Erfahrung sprechen: Hafiz Rehman, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer in Jork und vor 30 Jahren nach Deutschland eingewanderter IT-Fachmann aus Indien; Ingrid Lau, ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuerin aus Himmelpforten; Ralf Handelsmann, Samtgemeindebürgermeister in Fredenbeck und Nicole Streitz, zuständige Dezernentin beim Landkreis Stade.
Auch die drei syrischen Flüchtlinge, die in Jork wohnen und seit vier Monaten darauf warten, dass ihre Fälle endlich bearbeitet werden, sind mit Unterstützern von der „Flüchtlingsbegleitung Jork“ gekommen. Ihr Bericht über die beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verschleppte Bearbeitung ihrer Anerkennungsverfahren löst bei Podiumsteilnehmern und Zuhörern Erstaunen aus: Wie Flüchtlingshelferin Petra Vogel berichtet, werden die von Niedersachsen an Hamburg überstellten Fälle dort nachrangig behandelt: „Die haben uns gesagt, sie arbeiten erst die Hamburger Fälle ab, die niedersächsischen kommen danach.“
„Es darf nicht sein, dass bei so etwas föderale Grenzen eine Rolle spielen“, so der CDU-Landtagsabgeordnete Helmut Dammann-Tamke, der ebenfalls im Publikum sitzt. Das System drohe zu kollabieren, merkt Nicole Streitz an. Sie ist der Ansicht, dass es – neben der beschlossenen Stellenaufstockung beim BAMF noch in diesem Jahr – auch eine andere Möglichkeit gebe, um „Luft zu bekommen, für die, die unsere Hilfe wirklich benötigen“: Asylbewerber aus sicheren Drittländern, mit äußerst geringen Chancen auf Anerkennung als politische Flüchtlinge, schneller abzuschieben. Im Landkreis Stade kommen 282, also etwa drei Viertel der 400 Flüchtlinge, die im Anerkennungsverfahren stehen. Laut Streitz aus Ländern wie Serbien, dem Kosovo, Mazedonien und Albanien. Die Anerkennungsquote liege bei 0,1 Prozent. Helmut Dammann-Tamke gab zu bedenken, dass Deutschland als alternde Gesellschaft Arbeitskräfte brauche. Über die gesetzlich gebotene Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch Verfolgten hinaus fordert er ein Zuwanderungsgesetz, das es ermöglicht, gezielt Arbeitskräfte anzuwerben.
Ein Fazit des Forums: Bei der Aufnahme von Flüchtlingen liegt organisatorisch einiges im Argen. Das wird dadurch gelindert, dass es mit der Willkommenskultur auf der menschlichen Ebene ziemlich gut voranzugehen scheint. Anja Blieffert, die schon in den 90er Jahren für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständig war, berichtet, dass es damals in Jork überhaupt keine Hilfe aus der Bevölkerung gab. Heutzutage spricht sie sich mit den Ehrenamtlichen ab und nimmt mit ihnen gemeinsam die Neuankömmlinge in Empfang, die von da an Ansprechpersonen für viele Fragen haben: „Für mich ist das eine ganz große Arbeitserleichterung.“ Integration sei keine Einbahnstraße, pflichtete der Fredenbecker Samtgemeindebürgermeister Ralf Handelsmann an: „Je mehr Menschen Kontakte haben, um so mehr Multiplikatoren gibt es, die anderen die Befangenheit nehmen können.“

Quelle: Tageblatt.de